als sei es schon wirklichkeit
Mich würde Eure Meinung zu diesem Artikel von Pete Rollins interessieren …
@Tom: read the original if you want to
Ich lebe meine Überzeugung, auf dass sie eines Tages Wirklichkeit wird
Dieser Artikel beschäftigt sich mit Überzeugnungen. Ich möchte aufzeigen, wie wichtig es ist, zu trennen zwischen Überzeugungen und empirisch belegbaren Aussagen. Im Grunde ist die Idee, jede Überzeugung belegen zu können, genau das was Überzeugungen ihrer Wirkungskraft beraubt. Eine Überzeugung muss zwar verstanden werden als Aussage über die Dinge, von denen sie spricht, darf aber nicht auf Fakten begrenzt werden. Kurz gesagt: Überzeugungen stehen und fallen nicht mit der Beweislage.
Nehmen wir zum Beispiel die Diskussion um generelle Menschenrechte. Niemand argumentiert für die “Gleichheit aller Menschen” (all man are created equal) in dem er in wissenschaftlichen Studien die Intelligenz oder das Selbstbewußtsein verschiedner Geschlechter oder verschiedener Rassen vergleichen läßt. Wir würden schmunzeln über einen Forscher, der versuchte eine derartige Aussage mit Zahlen zu belegen. In dem Augenblick, in dem wir diese Überzeugung den Statistikern übergäben, wäre sie bereits entscheident beschädigt. Anderes Beispiel: wenn jemand argumentiert, Folter wäre falsch, weil sie nicht funktioniere bzw. weil sie nicht effizient die gewünschten Informationen zu Tage förderte, hätte er schon viel zu weit nachgegeben, selbst wenn er die Diskussion als Sieger verließe. Wie Zizek schon sagte, war das verstörende an dem Eingeständniß der Folter durch die Bushregierung nicht das Eingeständniß an sich (das wußten wir ja schon längst, es gab ja Hinweise auf Gefangentransporte mit Zwischenstopp in UK). Das wirklich Erschreckende war doch, dass sie das Tabuthema enttabuisierten. In dem sie eine Diskussion über das Für und Wider von Folter eröffneten, haben sie die Vereinigten Staaten in schwieriges Fahrwasser gelenkt. Laut Zizek sind wir uns alle einig, dass Vergewaltigung falsch ist, aber wir zählen niemals Argumente dagegen auf. Es wäre eine moralische Katastrophe, wenn Vergewaltigung etwas wäre, wo man Pro und Contra gegenüberstellen würde.
Zurück zum Glauben an die Menschenrechte. Das ist eine Überzeugung, die sich manches Mal mit den empirischen Funden deckt und mal ihnenwiderspricht. Es ist eine Überzeugung, weil wir danach leben, weil sie uns inspirieren und wir für sie kämpfen, und das obwohl wir ohne weiteres zugeben können, dass ihnen eine erkenntnistheoretische Grundlage fehlt. In diesem Sinne ist es also eher ein Instrument, um die Welt zu verändern, als eines, das sie beschreibt. Beispielsweise mag es stimmen, dass eine bestimmte Schicht der Bevölkerung im Schnitt mehr Verbrechen begeht als andere. Doch genau die Überzeugung, dass keine Gruppe krimineller ist als andere hilft dabei, die Welt so zu verändern, dass sie unserer Überzeugung ähnlicher wird.
In diesem Fall beschreibt unsere Überzeugung über das Wesen der Dinge nicht den Ist-Zustand, sondern trägt etwas bei zum Soll-Zustand. Eine solche Behauptung hat eine eschatologische Dimension: das was wir behaupten, dass es “sei”, ist “noch nicht”. Die Behauptung kann in der Gegenwart nicht durch Fakten untermauert werden, aber sie schafft die Fakten, sobald man danach handelt.
Im Kampf zwischen dem christlichen Fundamentalismus und der Wissenschaft geht der Raum für Überzeugungen verloren. Denn der christliche Fundamentalist will seine theologischen Behauptungen als wissenschaftliche Aussagen verstanden wissen. Er nimmt seinen Überzeugungen die Tragkraft, indem er behauptet, sie seien wissenschaftlich belegt. Nehmen wir einen traditionellen christlichen Glaubensinhalt, die Göttlichkeit Christi. Der springende Punt ist nicht, diesen Glaubenssatz empirisch zu belegen, als gäbe es da so ein Leuchten in Jesu Augen, die das bewiese. Er ist eine Überzeugung, weil er nicht scheitert an seiner Absurdität (dass das Fleisch und Blut eines verletzbaren Wesens die Inkarnation des Schöpfers der Welt sei). Soll nicht heißen, dass Glaubensüberzeugungen immer absurd sein müssen, es gibt ja Fälle, wo sie in jeder Hinsicht Sinn ergeben. Worauf ich hinaus will, ist aber, dass unsere gegenteiligen Erfahrungen uns nicht von unserer Überzeugung abbringen.
Eine Überzeugung ist also eine Aussage, die von jemand vollends bekräftigt werden kann, der gleichzeitig ihre Absurdität eingesteht und zugibt, selber daran zu zweifeln. Vielleicht die höchste Form der Erkenntnis. Denken wir an Umweltaktivisten, die gegen den Bau einer Autobahn durch einen Wald demonstrieren. Gut möglich, dass viele oder sogar die meisten Demonstranten sowohl an den Sinn ihrer Mission glauben als auch an deren Rechtfertigung zweifeln. Sie wissen, dass die Autobahn nach rationalen Gesichtspunkten nötig ist. Sie wissen, dass sie bei einer Podiumsdiskussion den Kürzren ziehen würden. Wieso? Weil die vorherschende ideologische Gesinnung selbst den Rahmen steckt für jedwede rationale Überlegung. Also warum demostrieren sie? Weil sie überzeugt sind von einer Realität, die noch nicht existiert und die, sobald Wirklichkeit geworden, ihre Taten rechtfertigt. Sie kämpfen ohne Rechtfertigung für eine Welt, in der es gerechtfertigt wäre.
I believe it now so that one day it may be true
Eingetragen unter: inspiration

Lieber Traui, vielen Dank für diesen inspirierenden Text. Ich denke Rollins Punkt (Trennung zwischen Überzeugungen und empirischen Fakten) ist sehr hilfreich für das Verständnis unseres Glaubens. Nachfolgend ein paar eigene Gedanken.
„Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht. Denn durch ihn haben die Alten Zeugnis erlangt. Durch Glauben verstehen wir, daß die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind, so daß das Sichtbare nicht aus Erscheinendem geworden ist. … Ohne Glauben aber ist es unmöglich, [ihm] wohlzugefallen; denn wer Gott naht, muß glauben, daß er ist und denen, die ihn suchen, ein Belohner sein wird.“
Hebräerbrief 11,1ff (Die Bibel - Elberfelder Übersetzung)
Ich würde sagen, genauso „funktioniert“ Glaube. Wer glaubt, lässt sich von einer Wirklichkeit überzeugen und auch bestimmen, die weit über empirisch belegbare Aussagen hinausgeht. Diese für unsere fünf menschlichen Sinne unsichtbare Wirklichkeit, steht der Welt in der wir leben, nicht als eine zweite Wirklichkeit gegenüber, sondern schließt sie als übergeordnete Wirklichkeit ein (Stufenordnung). Die empirischen Beobachtungen dieser Welt bedürfen immer einer gewissen Deutung. Die Frage ist nun, ob man einen rein innerweltlichen Deuterahmen wählt, oder ob man seinen Deutehorizont darüber hinaus gehen lässt.
Für die bloße Beschreibung und Erklärung der Welt („Ist-Zustand“) ist ein innerweltlicher („wissenschaftlicher“) Deuterahmen meist ausreichend und sinnvoll. Für die positive Gestaltung und Veränderung dieser Welt und des menschlichen Lebens („Soll-Zustand“) fehlt diesem Rahmen aber die Kraft.
Überzeugungen, die allein auf innerweltlichem Faktenwissen basieren, werden der Verantwortung zur positiven Gestaltung der Welt kaum Kraft geben können. Es bedarf mehr. Es bedarf Überzeugungen, die sich nicht auf bloßes Faktenwissen beschränken lassen. Der Glaube ist eine solche Überzeugung, die den innerweltlichen Rahmen übertritt, und die Kraft- und Lebensquelle nicht im Diesseits verankert.
Zum weiterdenken:
Frage: Woraus erwachsen unsere Glaubensüberzeugungen“? Haben wir sie uns ausgedacht? Sind es Überzeugungen die en vogue sind und die irgendeinem Zeitgeist entsprungen sind? Steckt irgendeine Art „Nützlichkeitsprinzip“ dahinter? Hat es etwas mit historischen Tatsachen zu tun? Was gibt der Glaubensüberzeugung (im speziellen unserer christlichen) ihre Kraft? Wie erhalten wir Zugang zu ihr?
Noch ein frohes Osterfest.
„Der Herr ist auferstanden!“
Hey Traui,
cooler Artikel!
“Ich lebe meine Überzeugung, auf dass sie eines Tages Wirklichkeit wird!”
Ich wünschte mir, dass dieser Satz meinen Glauben und die Überzeugungen und Werte, die daraus resultieren, beschriebe.
Dass ich in jeder Situation meines Lebens nach Gottes Willen frage, wie Jesus handle und damit die Welt verändere.
Ich träume davon, dass die Werte, die das Evangelium prägen, einmal unsere Gesellschaft prägen. Dass z.B. jeder seinen Nächsten liebt.
Kannst du dir eine Welt vorstellen, in der du keine Angst haben musst, weil du weißt, dass dir kein Mensch etwas Böses will? In der du dein Geld unachtsam in irgendeine Ecke wirfst und später wieder mitnimmst, da es sowieso keine klauen würde?
Kannst du dir vorstellen anstatt mit jemandem zu streiten und das Gefühl zu haben, dass dir dein Gegenüber die Worte im Mund herumdreht, die ganze Zeit zu wissen, dass er versucht dich zu verstehen und mit dir gemeinsam eine Lösung sucht?
Kannst du dir vorstellen, dass sich Politiker in der Öffentlichkeit nicht über den Kampf gegen den Terrorismus streiten, sondern um die effizienteste Art, Menschen mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten zu versorgen?
Ich glaube nicht, dass eine solche Welt existieren kann! Ich kann sie mir nicht vorstellen.
Aber was wäre, wenn mehr Menschen christliche Überzeugungen leben und daran glauben, die Welt verändern zu können. Was passiert, wenn ein Politiker wirklich anfängt den Hunger in der Welt als oberstes Problem anzusehen? Was passiert, wenn du ein guter Freund für jemanden wirst, der seine Familie verloren hat?
Was passiert, wenn du deinem Nächsten eine Freude machst, ohne dafür etwas zu erwarten?
Wenn du ihn einfach liebst…
ohne Bedingung….
unerwartet…
einfach so…
?
Hallo ihr 3,
vielen Dank für die Zeit, die ihr euch fürs Schreiben genommen habt und vor allem, dass ihr eure Gedanken so teilt. Sie sind alle sehr inspirierend und ich hoffe, dass sie es so sind, dass ich sie nicht nur cool finde und bejahre, sondern dass ich mich auch dadurch weiter verändern kann.
danke